„Nicht selten blieb man damals etwas geistesabwesend – und ohne auf die Uhr geschaut zu haben – daheim vor dem Bildschirm kleben. Meine Eltern und mein großer Bruder verrichteten ihre Arbeit zu einem nicht unwesentlichen Teil zu Hause. Doch nicht hinten im Stall. Sondern in der Küche, am Eßtisch, wo nach der Mahlzeit die Laptops kurzerhand aufgeklappt wurden. Oder auch im Bett, wo das Eßtablett als Unterlage für den Computer Verwendung fand. Mir hat das damals schon ziemlich gut gefallen, wie sich der Arbeitsplatz stimmungsbedingt ändern konnte. Wenn ich heute durch meinen Laden schreite und unseren weltweit wohl besten Bestand an modularen Möbeln begutachte, weiß ich aber auch, daß mir immer etwas gefehlt hat,” flüstert Susanne mit nachdrücklicher Stimme in das Aufnahmegerät, lehnt sich in ihrem Mehrzwecksessel zurück und verrät: „Es war die vernachlässigte bzw. nicht vorhandene körperliche Komponente. Der ewige post-industrielle Dauermarathon am Laptop erschien mir wie die manuelle Arbeit am Fließband, wo stets nur ein einziger Körperteil zum Einsatz kam.”

Doch nicht allein deswegen hat Susanne stets mit großem Ehrgeiz am Sportunterricht teilgenommen. Es war en vogue sich fit zu halten; einen Waschbrettbauch wollten einfach alle haben. Die Übungen hatten was Meditatives. Das Wiederholen einzelner Bewegungsabläufe brachte dies mit sich und so geriet das tägliche Training für Susanne zu einer Art Trance. Schrittweise schraubte sie ihren Blutdruck an der Sprossenwand schwitzend in ungeahnte Höhen. Sie liebte diesen Moment. Sie fühlte sich stark und ausdauernd. Und konnte dabei denken. Wie andere Leute sich nicht ohne Musik konzentrieren können, brauchte Susanne das Fitneß-Training, um sich zu sammlen. Ihre Gedankenströme hatte sie dann gebündelt und war in diesem Zustand auch zu den wildesten Visionen im Stande. Am liebsten fabulierte sie in diesem Moment Möbel herbei.
Es waren Einrichtungsgegenstände, die in viele Einzelteile zerlegbar waren. Diese Einzelteile sollten nicht nur in ein einzelnes Baukastenschema passen. Man sollte die unterschiedlichsten Möbel daraus zusammenbauen können. Wichtig war jedoch nicht nur die Mehrzweckdienlichkeit der Partikel, sondern auch die Vielseitigkeit des Ganzen. Zum Beispiel sollte sich ein Schrank in einen Schreibtisch respektive in ein Bett kippen lassen. Am wichtigsten war ihr jedoch, daß sich der Gegenstand in jeder Position auch als Fitneßgerät nutzen lassen würde.

Erst später kamen ihr die Gedanken zu einer Konstruktion die es erlaubt, bei der Arbeit zu trainieren. Susanne hatte Cockpits erdacht, die aussahen wie individuelle Raumstationen auf der Enterprise und zugleich an Hometrainer erinnerten. Man sollte am computerisierten Arbeitsplatz mit multiplen Monitoren und Keyboards jederzeit in die Pedale treten können. Als eine ihrer geistreichsten Ideen erachtete sie den digitalen Trainer: ein vorprogrammierter Timer samt personalisiertem Trainingsprogramm, der via Online-Datenbanken ihre eigenen Übungsergebnisse auf eine numerische Vergleichsebene mit anderen Nutzern dieser Geräte setzen sollte. Später, nachdem sie das BSZ erfolgreich abgeschlossen und ein Praktikum im Ausland absolviert hatte, war sie längst nicht mehr nur darum bemüht, ihre eigenen Wünsche auf potentielle Prototypen zu projizieren. Sie hatte ihre während des Workouts entstandenen Visionen längst zu Geschäftsmodellen und Businessplänen verdichtet. Auf der Suche nach Lücken und Nischen kam ihr dann auch die Idee, daß ja vielleicht nicht alle an Bewegung bei der Arbeit denken, jedoch trotzdem in dieser Zeit gern ein paar Kilo verlieren und ihre Muskulatur auf Vordermann bringen würden.
Dabei herausgekommen ist ein Bürosessel mit integriertem Tone Master Digital , dessen Steuergerät eine Reihe modulierter Impulse erzeugt, die wiederum von 10 Leitpads an die Muskeln übertragen werden. Diese Impulse werden quasi unmerklich bei jeder Art von geistiger Arbeit wiederholt, um mit effizienten und angenehmen Muskelkontraktionen eine normale sportliche Betätigung zu simulieren. Susanne ist stolz auf das wohl modernste Stück in ihrem Laden am Marktplatz in Tamsweg. Am liebsten sitzt sie selber drin und erdenkt neue Prototypen.