Alice und Jana haben heute ein gemeinsames Unternehmen, das auch dem BSZ in Sachen Corporate Style beratend zur Seite steht. Ab und zu unterrichten sie sogar zu zweit am BSZ, leiten dort Workshops und halten Vorträge. Obwohl es auch Reibungspunkte gab - zu Alices innerem Unfrieden war Jana z.B. immer fest davon überzeugt, daß sie die bessere Figur hat - sind sie noch immer ein schier unschlagbares Team. Sie verstehen sich blind und sind auch ohne Absprache in der Lage situativ zu inszenieren. Am liebsten spielen sie ‘Good Cop/Bad Cop’. „Das war auch schon damals so”, erinnert sich Alice. „Ich habe mich innerlich zurückgelehnt, zugehört und verständnisvoll reagiert, während Jana - ein bißchen ungeduldig - alles anzweifelte und kritisierte. Auf diese Weise haben wir immer so gut wie alles mit den Leuten anstellen können. Ach so, um nochmals auf die andere Frage zurückzukommen: Nein, die Rollen waren nicht festgeschrieben. Wir wechselten uns ab, je nach Laune. Manchmal trieben wir es auch ein wenig zu weit. Mit gewissem Abstand zu ihrer Jugend, spricht Jana heute von „Opfern”.

Nach einem Beispiel gefragt, kommt sie auf eines dieser Simulationsspiele zu sprechen: „Es war unser favorisiertes Beschäftigungsprogramm und forderte auch unsere LehrerInnen, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen. Einmal hieß es: ‘Stellt Euch vor, Ihr seid Geschäftsführer eines Unternehmens. In Eurer Verantwortung liegt es, Strategien zu entwickeln, und Eure Ideen mit einem engagierten Führungsteam umzusetzen.’ Es war vorgesehen, daß wir vor diesem Hintergrund drei Monate lang über einen digitalen Marktplatz gegen vier weitere fiktive Unternehmen antreten. Uns war gleich klar, daß wir eine Firma an der Schnittstelle von Design, Mode und Consulting machen würden. Als Mitstreiter in diesem Projekt bot sich Ulrich an. Er hatte ein Faible für Mode und Design, obwohl er nicht sonderlich stilsicher war. Seine Begeisterung für Lacoste war uns damals ziemlich fremd.” Schon beim vorbereitenden Brainstorming wollen Jana und Alice Ulrich mit ihrem angelesenen Wissen über Branding und Corporate Culture in seine Schranken verwiesen haben. Schnell kristalisierte sich heraus, daß sie die beiden Chefs ihres fiktiven Unternehmens mimen würden, und er das engagierte Führungsteam. Ulrich sollte mal so richtig rangenommen werden. Er sollte zeigen, was er wirklich drauf hat. Im Grunde gefiel es Jana und Alice deshalb, weil er gleich mehrere Mitarbeiter gleichzeitig zu simulieren hatte. Ulrich sollte im wahrsten Sinne des Wortes flexibel werden.

Doch dem nicht genug. Ihr Plan war ein wenig finster. Aber irgendwie auch ziemlich genial. Sie wollten den korporativen Style-Guide für eine IT-Firma entwerfen. Vom Briefbogen bis hin zur Socke. Im Zentrum stand die Idee, alles leicht zu verdrehen. Das Logo war eine sich spaltende, leicht kurvige Linie. Rot auf weiss. Als Amateur-Schneiderinnen hatten sie großen Spaß, die Kleidung zu entwerfen. Insbesondere die Hosen bereiteten ihnen ein großes Vergnügen. Vorgesehen war ein leicht erhärteter Jeans-Stoff und eine verdrehte Seitennaht. Nächtelang saßen sie an der Nähmaschine, um den Hosen einen noch stärkeren Twist zu geben. Konnte man darin noch normal gehen? Klar, Ulrich durfte ihnen in der Entwurfsphase als Modell zur Verfügung stehen. Ob er wollte oder nicht. Am Ende wollte er dann gar nichts mehr. Ihm war alles egal geworden. Jana und Alice hatten ihn mit ihren verdrehten Schnitten so dermaßen in die Enge getrieben, daß die Last, die ohnehin durch das Multitasking auf seinen Schultern lastete, in ihm implodierte. Geriet er anfangs in ihren Hosenmodellen einfach auf Grund ihrer Schrägheit unter latenten Streß, so paßte er am Ende der Drei-
Monatsfrist gar nicht mehr in sie hinein. Langsam begann er sich gewissermaßen aufzulösen. Sein Drang zu essen, geriet außer Kontrolle. Er nahm dramatisch zu und wurde fett. Unaufhaltsam. Bei der Abschlußpräsentation soll er dann krank-
heitsbedingt nicht mehr dabei gewesen sein. Alice und Jana ließen sich derweil mit ihren latent magersüchtigen Körpern als Geschäftsführerinnen des fiktiven Unternehmens feiern.