Im Vergleich zu Stefan sind Olis Erinnerungen an die Schulzeit vernebelt. Er kann sich noch gut an das BSZ erinnern, schließlich hat er seinen Zweitwohnsitz direkt im angrenzenden Hochhauskomplex von Sony. Doch einzelne Episoden kann er sich nur schwerlich ins Gedächtnis zurückrufen. Trotzdem erscheint er der ideale Gesprächspartner zu sein, um die zweite anamorphotische Arbeit Grubingers mit biographischem Hintergrundmaterial zum Leben zu erwecken. Schließlich ist ein Grund, warum er sich „nicht mehr so gut erinnern kann” sein gespaltenes Verhältnis zum BSZ. Er wollte damals nicht so recht dazu gehören. Genau wie seine Freunde hatte er Schwierigkeiten sich mit dem schulischen Alltag zu identifizieren.

Regelmäßig traf er sich in den Pausen mit Mike und Tina hinter der Schule zum Rauchen, nicht selten hingen sie aus Protest im „verbotenen” Patio rum. „Wir waren nicht wirklich wie füreinander geschaffen” gibt er in seiner leicht pathetischen, an Filmdrehbücher angelehnten Redeweise zu Protokoll, „doch das Schicksal schweißte uns zusammen. Wir waren wie ein Geheimbund, wie eine verschworene Gemeinschaft. Zwischen den Unterrichtseinheiten hingen wir immer zusammen und unterhielten uns über Gott und die Welt. Ob es dabei meist um die Schule ging? Jaein. Man könnte vielleicht sagen, daß die Schule und das damit verbundene Ordnungssystem Ausgangspunkt für gewisse, immer wiederkehrende Diskussionen waren. Wir kritisierten die Lehrer. Machten uns über sie lustig. Es ging aber auch immer darum, das System Schule als gesellschaftliche Institution zu begreifen. Sie wissen schon: Schule, Zivildienst, Uni, Beruf. Die Schienen des Lebens. Alles vorprogrammiert”. Die Dreier-Gruppe sprach aber auch immer über Außerschulisches - Tina soll zu diesem Zeitpunkt sogar schon mehrfach abgetrieben haben - und überhaupt versuchten sie sich in den Pausen immer wieder auf andere Gedanken zu bringen, redeten Aufträge von einem geheimnisvollen Chef herbei, die sie in Städte wie Düsseldorf, Paris und Wien führten (als Agenten im Dienste von Charlie hatten sie in den unterschiedlichsten Einkaufszentren Informationen zu sammeln). Im Rückblick ist es Oliver allerdings nicht ganz klar, ob der eine, besonders memorable Ausbruch aus der Alltagsroutine der Schule tatsächlich stattgefunden hat. Oder ob sie ihn mit ihrer Bildschirm-geprägten Wahrnehmung einfach herbeifantasierten...

Wie so oft kauerten sie gemeinsam am Boden, rauchten Ihre Zigaretten und machten hin und wieder ihre lässigen Sprüche. Das mysteriöse Gebäude vor ihnen glänzte metallisch. Wenn sie sich bewegten, merkten sie, daß sie sich darin sogar spiegelten. Es war in der Tat eine Begegnung der dritten Art , wie Tina später sagen sollte. Der Baukörper kam ihnen wie ein UFO vor - eine Konstruktion aus einem benachbarten Sonnensystem. Amphibisch wölbte sich das Dach und ging nahtlos in die Außenfassade über. Das Gebäude schien plötzlich keine Ecken und Kanten zu haben und lag wie eine erstarrte Masse Quecksilber in der Mittagssonne. Wenn sie ihre Augen zusammenkniffen, kamen die Konturen besser zum Vorschein, um beim nächsten Wimpernschlag wieder zu verwischen. In der heißen Luft lagerten sich Spiegelungen der architektonischen Oberfläche übereinander, das Gebäude schien sich zusehends aufzulösen und in eine Art formbare Masse zu zerschmelzen. Als die drei noch immer am Boden saßen und meinten, es in die Ferne rücken zu sehen, schien die fluide, matt-silbrig funkelnde Luft direkt vor ihnen zu sein, zum Greifen nahe. „Meine Erinnerung an den Ausgang dieser Episode reißt genau da, als wir anfingen, darin mit unseren Fingern rumzustochern.”

Woran Oli sich aber besonders gut erinnern kann ist der, wie er in latenter Selbstüberschätzung meint, von ihm vorgedachte Trend der Cliquenbildung:
„Im Unterricht ging es immer wieder um Teamwork und rhizomatische Gruppenbildung - doch wir machten den anderen vor, was das wirklich bedeutet.” Die Schule spaltete sich nicht wie im Alltag der Street-Gangs üblich, in wenige große Gruppen, sondern zerfiel in viele kleine, in ständiger Neuformierung und Auflösung begriffene Grüppchen. Ihre Mitglieder waren an einer Hand abzuzählen. Nicht selten waren es im Unterricht entstandene
Arbeitsgemeinschaften, die auch nach der Schulzeit zusammenhielten. Notwendig war das allein schon deswegen, weil die im Unterricht gestellten Aufgaben dies abverlangten. Oft verlagerte sich die Bearbeitung eines Unterrichtsinhalts in die Freizeit hinein, und zog sich über Wochen und manchmal Monate hin. Einige haben daraufhin Firmen gegründet und sind noch heute zusammen. Auf andere wiederum soll diese soziale Form erheblichen Druck ausgeübt haben. Oli heute: „Aber wir standen natürlich drüber.”