Stefan, der heute Geschäftsführer des BSZ ist, kann sich noch gut daran erinnern wie alles begann. Seine Noten waren ziemlich gut. Zumindest daran gemessen, daß er viel Zeit in seiner Freizeit damit verbrachte, den Neuen Markt zu studieren und die Aktienkurse zu verfolgen. Es war eine neue Welt, in die er nach und nach immer tiefer eintauchte – sein Traum war es, Day Trader zu werden. Es passierte immer öfter, daß er vergaß seine Hausaufgaben zu machen. Und anstatt sie kurz vor Schulbeginn von Freunden im Schulbus abzu-schreiben, schaute er lieber ein bißchen länger Fernsehen. Morgens flimmerte nämlich immer der Börsenticker über den Bildschirm. Und als er dann alle Infos beisammen hatte, rief er sich ein Taxi und fuhr zur Schule. Das hatte sich bald rumgesprochen. “Dann fingen die Spekulationen über meinen Lebenswandel an” erinnert er sich heute. “Das mit dem Taxi war schnell vom Tisch. Aber warum ich immer während des Unterrichts pausenlos mit meinem Pager beschäftigt war – plötzlich waren Dinge, die sie bislang als Marotten von mir hingenommen haben, fragwürdig geworden”.

Stefan war in den Augen seiner MitschülerInnen der Schaumschläger. Früh bekundete er sein Interesse an der Erwachsenenwelt und begann auch, sich dementsprechend zu benehmen. Er wollte immer alles besser wissen und sprach
etwa bei der Planung vom Landschulheimaufenthalt fortwährend davon, daß er
sich ein Hotelzimmer mieten werde - mit Internetanschluß.
Als der Goldrausch am Neuen Markt ausbrach, sah man ihn in der Schule immer seltener. Dafür aber seinen Vater. Er wollte alle möglichen Kurse belegen, die Erwachsenenbildung gab ja einiges her. Flugs war Paps auf die Überholspur
des Lebens
hinübergewechselt und hatte nur ein Ziel vor Augen: so werden
wie Stefan. Er stand einige Stunden vor seinem Sohn auf, begann mit dem morgendlichen Fitneßtraining und absolvierte einen Waldlauf zum Preber.
Er wollte sich wieder richtig jung fühlen.
So ging es mit dem erschöpften Schweißbad nach dem Telelearning weiter. Nachdem er geduscht hatte, nahm er in einer konzentrierten Haltung vor dem Fernseher Platz. Comenius hieß das Programm, das via Satelitenschüssel Professoren aus aller Welt in sein Wohnzimmer teleportierte. Stundenlang beobachtete er Dr. Vegas Lippen, sprach ihm nach, wiederholte Laute und Sätze. Spanisch sollte man als Welt-bürger schon drauf haben – hatte er sich sagen lassen. Und überhaupt hatte
er Ziele über Ziele, führte täglich Buch über seine sowohl athletischen als auch intellektuellen Fortschritte. Bald war er reif für die Kurse am BSZ. Und als er sich im Alter von 52 Jahren nochmals einschulen ließ, war ihm klar, daß er seinen Sohn vorerst noch seltener zu Gesicht bekommen würde. Einsamkeit war er ja gewohnt (seine Frau, Stefans Mutter, war schon lange nicht mehr an seiner Seite). Außerdem hatte alles seinen Preis, redete er sich zu. Alles würde sich irgendwann in Wohlgefallen auflösen. Irgendwann würde er sein Ziel erreicht haben und seinem Sohn entgegentreten können. Nicht als Landwirt. Nein, als Börsenfachmann.


Dann war es soweit. Anfangs hatte sich Stefan noch gefreut. Er konnte seinen Schulkameraden stolz davon berichten, daß Paps jetzt ab und zu nach Frankfurt fliege – Geschäftsreise versteht sich. Doch bald regte sich eine gewisse Unruhe in ihm. Sein Vater war so locker geworden. Er schien seine Sprache zu sprechen und kannte sich aus mit den Eckpfeilern der Generation@ , wollte von Stefan noch dazu lernen, fragte oft mit schier unstillbarem Wissensdurst, um ihm im nächsten Augenblick ein paar Tipps über M-Commerce zu geben. Sie diskutierten sogar ab und an über den Digital Divide und sein Vater war ihm als ein ebenbürtiger Diskussionspartner erschienen. Doch irgendwann wurde es ihm einfach zu bunt. Zu nah rückte ihm Paps auf die Pelle. Zu ähnlich waren sie sich geworden. Es gab kaum noch Unterschiede. Und das ging Stefan doch entschieden zu weit.

Irgendwann explodierte sein Unmut. Eines Tages kam es zu der unausweichlichen Eskalation, als ihm sein Vater nach Schulschluß freudestrahlend auf dem Weg zur Erwachsenenbildung entgegenkam. Er hatte es doch tatsächlich fertiggebracht, ohne zu fragen Stefans Lieblings-Carhartt-T-Shirt anzuziehen. Nach einer Rauferei in der Eingangshalle vom Gymnasium, die keiner von den beiden zu seinen Gunsten entscheiden konnte, schwor er sich seinem Vater den Kampf anzusagen – und nur noch Anzüge zu tragen.